Karl A. Immervoll erhielt den Papst Leo Preis 2015 für besondere Verdienste um die Kath. Soziallehre

Laudatio zum Papst Leo Preis

Exzellenz! Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herrn!

Der Theologe Matthew Fox hat es einmal so beschrieben: „Arbeit ist, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und sie mit anderen zu teilen.“ Nach dieser Maxime hat Karl Anton Immervoll sein Leben ausgerichtet. Er begegnet Menschen auf Augenhöhe, ohne vorher auszusortieren:

  • Sind sie mir sympathisch?
  • Dienen sie meiner Karriere?
  • Haben sie gleiche Interessen?
  • Profitiere ich von ihnen?
  • Sind sie gesellschaftlich anerkannt oder unterhaltsam?

Wo immer Probleme im sozialen und gesellschaftlichen Bereich auftauchen, war und ist Karl Immervoll eine erste Anlaufstelle in der Region Oberes Waldviertel, und das schon seit über 30 Jahren. Kein Wunder – er kennt die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten und die Menschen kennen ihn. Vor allem jene Menschen, denen es schwer fällt, sich selbst zu helfen oder sich durchzusetzen. Denen nichts in die Wiege gelegt wurde, von dem sie zehren können. Die in einem Umland wohnen, das von Abwanderung gekennzeichnet ist. Das viele Jahre durch den Eisernen Vorhang wirtschaftlich abgeschirmt war. Besonders steht Immervoll unermüdlich auf der Seite der Schwachen und Ausgegrenzten, aber auch derjenigen, die mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr Schritt halten können.

Um Antworten auf soziale Fragen und regionale Problemstellungen zu finden, hat er eine Vielzahl an Projekten und Initiativen gestartet, mit viel Kreativität und immer unter Einbeziehung der Betroffenen.

Einige davon seien mir gestattet anzuführen:

die Mitwirkung bei der Gründung der Heidenreichsteiner Textilwaren GesmbH in Selbstverwaltung, die heute privat geführt wird; die Gründung der Schuhwerkstatt Schrems in Selbstverwaltung, die nunmehr unter Heini Staudinger erfolgreich als GEA firmiert; die Durchführung von Frauenkursen im Bahnhof Heidenreichstein – es waren dies die ersten Berufsorientierungskurse in NÖ; die Gründung der Emailwerkstatt Langegg in Selbstverwaltung, die heute von der Emmaus-Gemeinschaft St. Pölten geführt wird; die Gründung der Greißlerei Heidenreichstein als Direktvermarktungseinrichtung im Zusammenwirken von Bauern, Konsumenten und Beschäftigten; und gemeinsam mit dem Redemptoristen-Kollegium die Gründung der Lehrlingsstiftung Eggenburg. Zu Beginn gab es drei BetreuerInnen und 15 Lehrlinge, heute sind es 25 BetreuerInnen und 70 bis 80 Jugendliche.

Erwähnenswert ist weiters die Gründung der ökologischen Putzagentur Groß Siegharts, ebenfalls in Selbstverwaltung, die nach drei Jahren, allerdings ohne Verlust, wieder geschlossen wurde; das Kinderhaus Heidenreichstein – das später von der Volkshilfe übernommen wurde; sowie die Gründung der „Heidenreichsteiner Arche“ als Anlaufstelle für Menschen ohne Erwerbsarbeit.
Besondere Aufmerksamkeit erregte die gemeinsam mit Heini Staudinger erfolgte Gründung der Waldviertler Regionalwährung, dem sogenannten „Waldviertler“, eine Initiative, über die auch im Fernsehen als beispielgebend berichtet wurde.
Nicht unerwähnt bleiben sollen die grenzüberschreitenden Projekte zwischen Österreich und Tschechien und zuletzt die Initiierung des Projekts „Solartaxi Heidenreichstein“.

Zwei seiner Projekte, die Schuhwerkstatt Schrems und die Lehrlingsstiftung Eggenburg, wurden bereits vor längerem mit dem Papst-Leo-Preis ausgezeichnet. – Heute steht Karl Immervoll selbst im Rampenlicht – obwohl er das gar nicht so gerne mag. – Wenn über ihn und sein Leben gesprochen wird, dann ist es ihm lieber, es werden jene Personen erwähnt, die ihn befähigt haben, anderen zu helfen.

Da fällt ihm sein Philosophieprofessor Augustinus Wucherer-Huldenfeld ein, ein Geraser Chorherr, der ihn auf der Universität gelehrt hat, gesellschaftliche Entwicklungen, soziale Spannungen und politische Lösungsmodelle immer zu hinterfragen. Vorschnelle Entscheidungen können sonst sehr leicht in die Irre führen.
Oder der Steuerberater und Freund seines Vaters Ernst Garhofer, der stunden- und tagelang bei ihm gesessen ist, um ihm zu helfen, nach dem plötzlichen Tod seines Vaters das elterliche Geschäft zu führen. Von ihm hat er die Grundlagen der Betriebswirtschaft gelernt, was ihm bis heute bei Projektgründungen zugute kommt.
Seiner Mutter, so sagt er, wäre es lieber gewesen, wenn er an der Uni geblieben wäre oder sonst wo Karriere gemacht hätte. Er aber hat sich anders entschieden.
Und wenn ihn jemand fragt, woher hast du die vielen Ideen, dann antwortet er stets: das sind nicht meine Ideen, ich verwirkliche nur, was mir in Menschen begegnet, und das gemeinsam mit Betroffenen. Menschen, denen ich begegnet bin in Betrieben und Projekten, aber auch in den Runden. Sie waren und sind meine wirklichen Ausbildner und Ausbildnerinnen.

Ein kurzer Blick auf den bisherigen Lebensweg von Karl Anton Immervoll erleichtert es, manche seiner Handlungen und Initiativen leichter nachvollziehen zu können. Er wurde am 7. August 1955 in Heidenreichstein geboren, begeht also demnächst seinen 60. Geburtstag.
Seine Gattin Ulli schenkte ihm drei Kinder – Thomas, Jakob und Therese –, die ihn inzwischen zum Großvater gemacht haben. Seine Eltern hatten ein kleines Textilwarengeschäft, das er nach dem unerwarteten Ableben seines Vaters 1979 kurzfristig gemeinsam mit seiner Mutter übernehmen musste.

Nach bestandener Matura, die er 1973 in Waidhofen/Thaya ablegte, studierte er Religionspädagogik, kombiniert mit Mathematik und theoretischer Astronomie, an der Universität Wien. Im Oktober 1977 trat er in den kirchlichen Dienst ein, zunächst als
Jugendleiter im Dekanat Heidenreichstein. Nebenbei studierte er jedoch weiter Fachtheologie an der Universität Wien, absolvierte aber auch eine Lehre als Schuhmacher, die er 1992 abschloss und 1993 durch eine Lehrlingsausbildner-Prüfung ergänzte. Bereits in den frühen 70er Jahren besuchte er die Kirchenmusikschule und studierte von 1992–1999 Orgel am Kirchenmusik-Konservatorium in St. Pölten. In den 80er Jahren absolvierte er verschiedene Aus- und Weiterbildungen im Beratungs- und Therapiebereich, in den Jahren 2004 und 2005 besuchte er an der Universität Budweis Vorlesungen zum Thema Wirtschaftsraum TschechienÖsterreich. In dieser Zeit erlernte er auch die tschechische Sprache, was ihm nach Öffnung des Eisernen Vorhanges bei diversen grenzüberschreitenden Projekten zugute kam.
Seit 1983 ist er Betriebsseelsorger für das obere Waldviertel, hat aber auch lange Jahre an verschiedenen Höheren und Berufsbildenden Schulen unterrichtet. Seit 1998 ist er Musiklehrer an der Musikschule in Heidenreichstein mit Schwerpunkt Musik im sozialen Bereich. Das umfasst die musikalische Betreuung von Menschen mit Behinderungen ebenso wie ein entwicklungsförderndes Musizieren.
Vor 22 Jahren rief er die Internationale Waldviertler Orgelwoche ins Leben, die nach wie vor auf Interesse stößt. – Außerdem organisiert er die „Kunst am Aschermittwoch“ und Orgelkonzerte im Sommer.

1995 erhielt er aber auch einen Lehrauftrag am Seminar für kirchliche Berufe in der Berufsbegleitenden Ausbildung, den er bis heute ausübt.

Anfang der 80er Jahre fungierte er als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Katholische Jugend Österreichs, später als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Arbeitnehmer- und Betriebspastoral Österreichs. Von 2002 bis 2012 vertrat er als Betriebsrat die Interessen der Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten der Diözese St. Pölten. Und darüber hinaus war er in vielen Bereichen bereit, Aufgaben ehrenamtlich zu übernehmen.

Soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und ein gesellschaftliches Miteinander, das niemand ausklammert und für jeden eine abgesicherte Existenz ermöglicht – dafür ist Immervoll immer eingetreten, obwohl das für ihn sicher nicht der einfachere Weg war und auch seiner Familie Verständnis abverlangte.
Prinzipien, denen sich auch die Katholische Soziallehre verbunden fühlt.

Es war daher höchst an der Zeit, ihm mit dem Papst-Leo-Preis öffentlich zu danken. Möge die heutige Ehrung aber auch zum Ausdruck bringen, dass Katholische Soziallehre nur durch Menschen wie Karl Immervoll lebendig bleibt.